Wenn man eine Behinderung hat, ist das Arbeiten ein Thema für sich. Neben der Frage, ob man arbeiten kann, stellt sich die Frage der Zugänglichkeit am Arbeitsplatz. Barrierefreiheit nimmt verschiedene Formen an: Wenn man im Rollstuhl sitzt, muss der Arbeitsort logischerweise auch baulich barrierefrei sein. Aber, vielleicht noch wichtiger: es ist auch eine Frage der Einstellung des Arbeitgebers.
Den Arbeitsplatz physisch zugänglich machen
Zunächst einmal muss man das Gebäude betreten können:
- Wenn es am Eingang Stufen und keine Rampe gibt, dann ist Barrierefreiheit nicht wirklich ein Thema…
- Die Eingangstür kann manchmal eine Herausforderung sein, wenn sie schwer und nicht automatisch ist. Das war bei einem meiner Praktika der Fall: Es war mir einfach unmöglich, die Tür allein zu öffnen. Aber ich könnte läuten und man machte mir die Tür auf. Eine automatische Tür wäre sicherlich einfacher gewesen.
Man könnte meinen, wenn man erst einmal in einem barrierefreien Gebäude ist, ist ein Rollstuhl normalerweise kein Problem mehr. Aber es kann andere, heimtückischere Hindernisse geben:
- Nicht barrierefreie Toiletten oder, noch ironischer, barrierefreie Toiletten, die als Abstellraum für alles Mögliche dienen und daher nicht mehr zugänglich sind…
- Schwere Türen innerhalb des Gebäudes – auch wenn die Kolleg*innen normalerweise bereit sind zu helfen.
- Schreibtische, die nicht an die Höhe des Rollstuhls angepasst sind – das Ideal sind höhenverstellbare Schreibtische, von denen alle profitieren, nicht nur die Mitarbeiter*innen, die einen Rollstuhl benützen.
Das kleine Extra, das den ganzen Unterschied ausmacht: Ich komme in einen Besprechungsraum und sehe, dass ein Stuhl bereits für mich herausgezogen wurde. Das passiert an meinem derzeitigen Arbeitsplatz häufig. Es ist so einfach, aber es zeigt, dass Inklusion einfach gelebt wird.
Ein Hindernis, an das ich nicht gedacht hatte, bevor ich einen Rollstuhl benutzte: Stehende Networking-Veranstaltungen mit hohen Tischen. Wenn man die Einzige ist, die sitzt, wenn die Leute zu einem „hinunter“ reden, ohne es anders machen zu können, und wenn die Tische so hoch sind wie der eigene Kopf, ist das nicht ideal… Wenn es Stühle oder Sofas gibt, frage ich die Leute, ob sie sich setzen können, um mit mir zu reden. Und das nicht unbedingt an dem einzigen niedrigen Tisch, der speziell für Menschen mit eingeschränkter Mobilität reserviert ist – das ist zwar gut gemeint, aber man fühlt sich ein bisschen wie ein bestraftes Kind…
Die Arbeitsorganisation für echte Inklusion anpassen
Barrierefreiheit am Arbeitsplatz ist nicht nur eine Frage der Architektur, sondern umfasst auch organisatorische Anpassungen.
Erster Hebel: die vieldebattierte Telearbeit. Vor COVID konnte es zu einem Hindernislauf werden, nur ein Tag Home-Office pro Woche zu verhandeln. Seit der Pandemie haben sich die Dinge geändert. Heute schätze ich das Gleichgewicht zwischen Büro und Home-Office: Es ermöglicht mir, mit meinen Kolleg*innen regelmäßig in Austausch zu kommen, persönlich an Besprechungen teilzunehmen, aber auch ruhigere Tage zu haben, wo ich nicht pendeln muss und somit meine Energie besser einteilen kann.
Der zweite wichtige Hebel: flexible Arbeitszeiten. Die Möglichkeit, einen Tag mal kürzer zu arbeiten, wenn meine Batterie leer ist oder wenn ich einen Arzttermin wahrnehmen muss, ist sehr wichtig. Umgekehrt kann ich mal länger arbeiten, wenn es möglich ist, um mich an das Team anzupassen oder einfach nur, um bei laufenden Projekten schneller voranzukommen. Durch diese Flexibilität wird die Arbeit inklusiver und wirklich an die spezifischen Bedürfnisse der Behinderung angepasst, unabhängig davon, ob diese unsichtbar oder sichtbar ist.
Und schließlich, und das ist oft das Schwierigste, was man verlangen kann, braucht man Respekt und Vertrauen von seinem Arbeitgeber. Respekt für die besonderen Bedürfnisse, aber ohne Mitleid. Meine Identität sollte nicht auf meine Behinderung reduziert werden. Ich werde nicht eingestellt, um eine Quote zu erfüllen oder weil es für die Inklusionspolitik des Unternehmens „gut“ aussieht, sondern wegen der Fähigkeiten und des Fachwissens, die ich mitbringe. Vertrauen in die Tatsache, dass ich meine Arbeit machen kann, wenn meine Bedürfnisse berücksichtigt werden, dass meine Behinderung kein Hindernis für mich ist, meine Arbeit gut zu machen.
Barrierefreiheit am Arbeitsplatz ist mehr als nur eine Rampe. Es ist nicht immer einfach, um Anpassungen zu fragen: zwischen der Angst, als fordernd oder störend empfunden zu werden, und der Notwendigkeit, deutlich zu machen, dass es sich nicht um Launen handelt… Es sind auch wirklich keine Launen, sondern einfach zugängliche Arbeitsbedingungen. Das Wichtigste ist eine offene und transparente Kommunikation auf Seiten des Arbeitgebers und des/der Arbeitnehmers/in. Letzten Endes geht es bei erfolgreicher Barrierefreiheit nicht nur um barrierefreie Infrastrukturen, sondern auch um eine inklusive Denkweise. Und das ändert alles!
Foto von Joey Banks auf Unsplash
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